Quelle: Chili Echo, 21.07.10

Nudeln aus der Dose und Party pur

“Traffic Jam“ in Dieburg geht in die zehnte Runde

PARTYZONE ZELTPLATZ: Von den knapp 5000 Besuchern beim zehnten „Traffic Jam“-Festival campierten rund 2000 in Dieburg. Sie feierten auch abseits der Bühne kräftig. (Foto: Karl-Heinz Bärtl)
PARTYZONE ZELTPLATZ: Von den knapp 5000 Besuchern beim zehnten „Traffic Jam“-Festival campierten rund 2000 in Dieburg. Sie feierten auch abseits der Bühne kräftig. (Foto: Karl-Heinz Bärtl)

Die Dosensuppe köchelt auf kleiner Gasflamme: Ein junges Paar aus Frankfurt sitzt vor seinem Zelt und bereitet eine einfache Mahlzeit zu. „Wir waren in den vergangenen Jahren schon beim Camp, es ist einfach eine tolle Atmosphäre“, sagt die schwarz gekleidete Frau.

 

Das Zelt der jungen Leute ist eines von vielen, die dicht an dicht auf dem Verkehrsübungsplatz der Fahrschule Völker im Dieburger Gewerbegebiet aufgebaut sind. Das „Traffic Jam Open Air“ gehört zu den größten Rock- und Heavy-Metal-Festivals mit internationalen Bands im Rhein-Main-Gebiet. Am Wochenende ging die Veranstaltung in die zehnte Runde. Die Organisatoren um Initiator Frank Völker bilden mittlerweile unter dem Namen „Schallkultur“ einen Verein. Angesichts stetig steigender Besucherzahlen haben sie das Camping-Areal diesmal bis hinter die Musikbühne erweitert. „Das Festival hat insgesamt rund 5000 Besucher, 2000 davon sind Camper“, sagt Pressesprecherin Britta Engelmann.

 

Beim schroffen Sound rebellischer Musik, die aus riesigen Boxen schallt, zittert nicht nur das Laub der Birken, auch der Boden bebt und die Luft scheint zu vibrieren. Doch die 20 Bands begeistern das rockende Publikum und Ingrid Völker (60) zollt dem zehnköpfigen Veranstaltungsteam dickes Lob: „Sie haben sich im Vorfeld mit Anwohnern und Vertretern der Stadt zu Gesprächen zusammengesetzt. Es herrscht Verständnis und gutes Einvernehmen. Das Open Air ist friedlicher als manch anderes Stadtfest, die Jugend ist besser als ihr Ruf.“ Völker stellt ihren Verkehrsübungsplatz alljährlich kostenfrei zur Verfügung.

 

Zwar ist der Himmel bewölkt, doch die Sonnenbrille gehört für Fan Napo (22) aus Braunshardt zur lässigen Aufmachung. „70 Prozent des Festivals findet zwischen den Zelten statt, hier ist Party pur“, sagt er und schwenkt die Bierflasche. „Alles läuft spontan und kreativ ab“, sagt er und weist auf bizarre Kreidemalerei auf den Asphaltwegen. Dann schaut er einer jungen Frau in knapper Oberbekleidung hinterher. „Und viele schöne Frauen gibt es hier“, sagt er und grinst, doch schon ziehen seine Kumpels ihn weiter.

 

Abseits der Wege sieht es zwischen den Zelten weniger kunstvoll aus: Getränkedosen, Essensreste, Plastik- und Papierabfall liegen verstreut herum. Manche Camper haben geleerte Getränkedosen zu bunten Stelen auf Stangen gespießt. „Wir haben 2700 gelbe Säcke besorgt, um nach dem Festival den Abfall zu beseitigen. Morgens wird rundum gekehrt“, sagt Engelmann. Die Erfahrung zeige, dass am Ende viele Hände beim Aufräumen helfen.

 

Die meisten Camper sind zwischen 16 und 25 Jahre jung, vereinzelt sieht man auch ergraute Köpfe in der Menge. Überwiegend schwarz ist die Kleidung der Heavy-Metal-Fans, gesträhntes Haar und eigenwilliger Silberschmuck sind Blickfang. Gut gelaunt spaziert man zwischen den Zelten herum, knüpft Kontakte und setzt sich zum Plausch zusammen. Manche liegen auch: Da schauen vier Füße aus einem halb geschlossenen Zelt hervor, auf klapprigen Campingstühlen oder im kühlen Gras wird viel geküsst. Nadja aus Augsburg greift zum Megaphon und lässt launige Sprüche und erotische Lautkaskaden hören. Ihre Freunde amüsieren sich dabei köstlich. „Ich bin Fan der Band ‚Illectronic Rock‘ und fertige auch Haarschmuck mit Blumen- und Totenkopf-Emblemen“, erzählt Nadja.

 

Vor den Toilettenhäuschen heißt es Schlangestehen. „Die sanitären Anlagen sind nicht sehr komfortabel“, kritisiert Carolin (23) aus Freigericht. Hinter Absperrungen sind Duschen montiert, die Privatsphäre ist minimal.

 

Besucherpulks pilgern zur Musikbühne und zum nahen Einkaufsmarkt. „Vor allem Bier und Nudelgerichte in Dosen werden gekauft. Wir haben 30 Prozent mehr Ware bestellt, um die Regale zu füllen“, gibt die stellvertretende Filialleiterin Auskunft. Im Camp kontrollieren Sicherheitskräfte und Johanniter, dass die Feierlaune nicht ausufert. Sicherheitsbeauftragter Ahmed bewacht einen Schnarchenden. „Er schläft seinen Rausch aus. Manche merken zwar, sie sind betrunken, aber leider trinken sie weiter.“

(Charlotte Martin)