Quelle: Dieburger Anzeiger, 19.06.02

Sich einfach mal fallen lassen

"Traffic Jam" zog für zwei Tage Punks, Rocker und skurrile Typen nach Dieburg.

DIEBURG (Liste). Mehrere tausend Rockfans, Punks und Anhänger der Independent-Szene feierten am Wochenende beim Dieburger Traffic Jam Festival auf dem Übungsplatz der Fahrschule Völker. Insgesamt 18 Bands aus ganz Deutschland spielten bei der zwei Tage dauernden Open-Air Veranstaltung.

Moes Irokensenschnitt steht wie eine Eins. Es ist Freitagabend, kurz vor acht, und der Punker genießt beim Büchsenbier das Festivalfeeling in Dieburg. Eigentlich heißt Moe Holger und ist Landschaftsgärtner aus der Nähe von Köln. Übers Internet hat er von Traffic Jam erfahren und ist kurzerhand mit seiner Freundin zum Campen auf den Übungsplatz der Fahrschule Völker gekommen. Seinen Punkerfrisur hat er sich erst nach der Autofahrt in Dieburg von seiner Freundin stylen lassen. Mit aufgestellten Haare passt der Punk nicht in seinen Renault 5.Ist das Wetter gut, freut sich der Punk.
(Foto: Liste)

Freitag, 23 Uhr, vor der Bühne. Hendrik ist begeistert. Unentwegt erzählt er etwas von "abgefahrn", "geil, wie professionell das ganze hier geworden ist" und dass der familiäre Charakter in den letzten Jahren nicht verloren gegangen sei. Lediglich ein bisschen mehr Werbung hätte dem Ganzen hier gut getan, findet Hendrik.

Dass meint wohl auch der Betreiber des Piercing- und Tätowierstudios, der noch in der Nacht anfängt, seinen Stand abzubauen. Trotz "Schuttle-Service" zum Percing-Studio hat sich der Stand finanziell für ihn wohl nicht so gelohnt. Doch privat ist er am nächsten Tag wieder unter den Festival-Gästen zu finden.

Samstagmorgen, kurz vor zwei. Büchsenbier hat Moe schon lange keins mehr, und auch die Frisur ist vom "Pogen" leicht demoliert. Müde hängen die einzelnen Haar-Zacken an dem gut 1.90 Meter großen Jugenlichen herunter. Feierabend für heute.

Zweiter Tag des Festivals, irgendwann am Mittag. Es regnet zu sehr, als dass man Bock hätte, die Hand auszustrecken, um auf die Uhr zu schauen. Einige Camper haben sich in ihren Zelten eingesperrt. Hartnäckige Fans der Band "Perfect Stranger" tanzen durch den Regen. Drei Mädels haben sich aus einer silbern und goldenen Rettungsdecke einen Regenschutz gebaut. Unter den großen gelben Corona-Schirmen drängen sich die Festival-Besucher.

Es hat aufgehört zu regnen. Mit der Sonne kommen auch neue Gäste. Der Platz füllt sich. Erleichterung bei den Organisatoren. Ein Dauerregen hätte ihnen finanziell leicht das Genick brechen können.

Beim Auftritt der Punk-Band "Planlos" weiß schon keiner der Anwesenden mehr, dass es irgendwann einmal geregnet hat. In den Lichtkegeln vor der Bühne kreisen die "Iros", pogen und lassen beim Stage-Diving ihren Gefühlen freien Lauf. Sich einfach mal fallen lassen.

Samstagnacht, kurz vor dem Auftritt der Metal-Band "Thorn Eleven". Manu und Bomber knien vor den Utensilien ihrer "Feuerspuck-Performance", die zum einen die harte Musik optisch noch etwas unterlegen soll und zum anderen langsam das Ende des Festivals einläuten wird. Bomber ist angespannt. Die Show wird oben auf dem Bühnendach stattfinden, gut acht Meter über den Köpfen der Festival-Besucher. Im letzten Jahr hat sich der Feuerartist vor Anspannung übergeben müssen.

Sonntagmorgen, etwa vier Uhr. Frank hat sich mit silbernem, reflektierenden Klebeband die Zahl Sieben groß auf Vorder- und Rückseite seines schwarzen Afri-Cola-T-Shirts geklebt und nervt seine Freunde seitdem nur noch auf Englisch. Seine Schultern hat sich der Groß-Zimmerner in mühsamer Kleinarbeit mit dem Schriftzug "David Beckham" verziert, da wird der Übungsplatz zum Fußballstadion. Beckham alias Frank zelebriert sich und den englischen Fußball auf eine abgefahren andere Art und Weise.

Eine Stunde später am Rande des Geländes. Tränen fließen. Sebi vom Organisationsteam lässt die Anspannung der letzten Tage raus. Er ist froh, dass außer drei leichten Verletzungen mit Flaschen und einer einzelnen Beschwerde der Ärger ausgeblieben ist. Und dass sich das Wetter samstags noch einmal gefangen hat und nicht das ganze Festival verregnet war. Stefan und Angelo sind auch erleichtert und weinen gleich mal kollektiv mit.

Und dann ist da kurz vor Schluss noch Holger: Er verkauft Mundharmonikas auf Festivals und spielt in zwei oder drei unterschiedlichen Bands. Holger ist ein echter Festival-Profi, er läuft immer noch oben ohne und barfuss durch die Nacht. Seine langen Haare hängen wie ein Mantel über den Rücken. Holger ist begeistert.

Zwar wollte sich wohl so recht keiner für seine Mundharmonikas interessieren, aber dafür hat er einen Haufen Kontakte geknüpft, unter anderem zu der Kölner Ska-Band "Royal-Kikka-Club". Begeistert war er vom Service der Veranstalter. Nur selten habe er erlebt, dass man sich so um die Aussteller gekümmert habe wie in Dieburg. "Wie in einer richtigen Familie", meint er und schlurft in Richtung seines Wohnmobils, dem verdienten Schlaf entgegen.