Quelle: Darmstädter Echo, 25.06.01

Der Wind weht die rockigen Klänge in die Stadt

Mehr als ein Dutzend Bands spielen beim Dieburger Traffic-Jam-Festival gute Laune und Lärmbeschwerden herbei

DIEBURG (lex). Stefan Walter ist enttäuscht: „Da kriegste vorgehalten, wie wenig die Jugend macht – und dann machste was und kriegst es verboten.“ Der junge Mann gehört zum Veranstalterteam des Traffic-Jam-Open-Air-Festivals, das am Freitag und Samstag in Dieburg auf dem Verkehrsübungsplatz beim Bauhof zum dritten Mal über die Bühne ging. Mit zweierlei Effekt: regen Zuspruch des zu Hunderten antanzenden jugendlichen Publikums – und Lärmbeschwerden etlicher Dieburger in der Nacht.

Die Band „Obscurity“ stand gerade auf der Bühne, als die Polizei am Samstag 45 Minuten nach Mitternacht nach fünfstündigem Livekonzert den Strom abschalten ließ. Für Stefan Walter unverständlich, schließlich hätten sie eine Genehmigung des Magistrats für die Veranstaltung bis jeweils drei Uhr.

„Das ist immer ein Problem“, erklärt ein Dieburger Polizeibeamter auf telefonische Anfrage: die Leute hätten Genehmigungen und würden fälschlicherweise denken, sie könnten unbeirrt Krach machen. „Da müsste die Gemeinde im Vorfeld mal mehr erklären.“

Das tat Dieburgs Bürgermeister Peter Christ gestern am Telefon: „Natürlich schließen diese Genehmigungen die Lärmvorschriften nicht aus.“ Dass solche Veranstaltungen nun einmal eine gewisse Lautstärke mit sich bringen, weiß auch er. Doch die Problematik habe sich diesmal vor allem wegen der ungünstigen Winde ergeben: Obwohl die Veranstalter die Bühne ins Feld ausgerichtet hätten, habe ein Nordwest-Wind den Lärm in die Stadt getragen. „Die jungen Leute haben das auch im letzten Jahr schon sehr ordentlich gemacht“, betont Christ und erklärt weiter: „Aber bei diesem Wind hatten die gar keine Chance.“

Auf dem Festivalgelände bekam das Publikum von all dem Wind nichts mit. Im Gegenteil: Das, was andere störte, sorgte dort für gute Laune. „Von der Atmosphäre ist es echt super, und der Sound ist geil“, lobte eine Besucherin, während am Freitagabend die Darmstädter Band „Cumicom“ deftige Gitarrenriffs von der Bühne schickte. Deren Schlagzeuger äußerte sich später gleichfalls angetan: „Der Mixer ist sehr gut, und das Gras ist schön grün“, witzelte er. „Nur schade, dass sich etwas wenig Leute eingefunden haben.“

Doch da war es noch früh am Abend. 800 zahlende Gäste zählte das Traffic-Jam-Team allein am Freitagabend. Ihre Musikbegeisterung war an diversen Band-T-Shirts abzulesen. Und spätestens beim Auftritt der zehnköpfigen Ska-Formation „Royal Kikka Klub“ aus Dormagen – „are you ready for some skaaaa-music?“ – auch am ausgelassenen Rumgehüpfe einer fröhlichen Publikumshorde vor der Bühne.

Während draußen sonnige Musik die Dämmerung einläutete, kam in einem kleinen Zelt hinter der Bühne zwischen Rechnern, Kabeln, Mikrophonen und haufenweise Kekspackungen Hektik auf. „Man hört kein Schlagzeug“, ruft Pascal von „Netnoise“, einem jungen Online-Radiosender, der das Happening live ins Internet überträgt. Außer Puste hechtet Bernd vom Tanzen herein und hilft. Jingle ab, Ton läuft, Pippa moderiert: „Die nächste Band ist Szuspekkt und macht eine Mischung aus Metal, Funk, Hip-Hop, Psychedelic und Rock…“

Die gänzlich in Weiß gekleideten Jungs legen zuckend los, und der Kunstnebel wabert von der Bühne herunter – bis in Richtung des Zeltplatzes, wo die Open-Air-Besucher kostenlos campen können. Um eine Gaslampe herum hockt dort auch die Band „Butcut“ und übt mit schrammelnden Akustikgitarren für ihren morgendlichen Auftritt. „Moment, Zugpause“, hält plötzlich Sänger Fabian das Privatkonzert an, bis die Waggons auf der benachbarten Bahnlinie vorbeigerauscht sind. Zu den Akustikklängen mischt sich die scheppernde Rhythmik, die von der Bühne herüberdringt. So klingt Jugendkultur live. Am Samstagabend gar bis halb zwei Uhr nachts.

Und daran soll sich eigentlich nichts ändern. Trotz der Lärmprobleme will Bürgermeister Peter Christ dem Traffic-Jam keinen Riegel vorschieben. Er wolle weiterhin mit den Veranstaltern im Gespräch bleiben und auch mit den Bürgern reden, wie schlimm es überhaupt war. Auch Stefan Walter plädiert für mehr Akzeptanz und verweist da etwa auf das Dieburger Schlossgartenfest, wo es lauter zugehe. „Einmal im Jahr kann man ruhig mal ein Auge zudrücken und auch die Jugend ihr Ding machen lassen.“